Eine Wortmeldung

Seitdem das neue Patientengesetz 2013 den Menschen eine angeblich viel grössere Autonomie in ihren Entscheidungen zugesprochen hat, schiessen nun die Patientenverfügungen ins Kraut. Wir sollen sie rechtzeitig ausfüllen, aktualisieren, hinterlegen, im Tresor einschliessen, online verewigen oder auf uns tragen. Ich warte auf das erste rückenfüllende Tattoo dazu oder den elektronischen Chip unter der Haut.

Eine Wissenschaft für sich ist entstanden, wer anfängt die Verfügungsvorlagen zu wälzen. Pech, wer weder Deutsch Schreiben noch Lesen kann, geschweige denn, sich mit diesen Dingen befassen will. Doch es gibt kein Entrinnen. Statt Grüezi kommt das auszufüllende Dokument.

Ein grosses Schreckgespenst ist entstanden, das sich aus Begriffen wie Behandlungswillkür, fremdbestimmt zu werden oder überhaupt nur pflegebedürftig zu sein, speist. Unwillkürlich frage ich mich, wie denn in den Jahrzehnten davor gelebt, behandelt, gepflegt und gestorben werden konnte, ohne dass der Gerichtshof für Menschenrechte angerufen werden musste? Waren wir alle nur von Gestern, oder was ist passiert?

Ja, die technischen Möglichkeiten zur Behandlung und Lebensverlängerung sind komplexer geworden. Ja, es kann sein, dass ich einsam und verlassen ins Koma falle, es keinen einzigen Angehörigen gibt der mich kennt und die Frage im Raum steht, wie lange dieses oder jenes Gerät noch angeschaltet bleiben muss. Wie wahrscheinlich ist es hierbei, dass Ärzte und anderes Personal sich unethisch verhalten wird? Sind denn alle gesamthaft orientierungslos geworden, wenn mein Wille nicht von irgendwoher aufleuchtet? Ja. Vielleicht. Dann aber liegt hier das eigentliche Thema: Keiner weiss mehr, was zu tun oder zu lassen ist. Oder: Keiner will es mehr wissen. Selbstbestimmung pur. Dann regen wir uns aber bitte auch nicht mehr darüber auf, wenn Ärzte ihre Hände in Unschuld waschen, denn: Du bist selbst schuld.

Also: Vorausschauend Definieren, Festlegen, alles rechtzeitig selbst bestimmen und grundsätzlich skeptisch sein. Der Verrat lauert überall: Die Politiker lügen, die Ärzte sahnen ab, die Krankenkassen wollen nicht mehr zahlen, die Pharmaindustrie bereichert sich über sinnlose Medikamente, die Spitäler über ebensolche Behandlungen, die Angehörigen wollen möglichst viel erben, ein gewisses Mass an Leiden macht per se und sowieso keinen Sinn, und schneller zu sterben und den Zeitpunkt womöglich selbst zu bestimmen, ist der kulturelle Gipfel einer Gipfeli-Gesellschaft.

Ich schreibe also meine Patientenverfügung:

Egal in welchem Zustand sie mich kennen lernen, ob komatös, hirntot, dement, verwirrt: Ich möchte als Mensch betrachtet und behandelt werden. Ich dachte das wäre normal, aber ich erinnere hiermit gerne nochmals daran. Bitte reden Sie mit mir, als würde ich sie voll verstehen. Auch wenn körperliche Fähigkeiten etwas anderes signalisieren sollten. Meine Seele und mein Geist, ich als Mensch, sind vollkommen da! Meine Sinne sind wach, die Informationen werden mich darüber erreichen. Ich glaube daran, dass Sie und Ihr Team ihr Bestes geben. Sollte ich nicht antworten können, verhalten sie sich so, wie es der Ehrenkodex ihrer Profession gebietet und sie selbst behandelt werden möchten. Der Rest liegt in Gottes Hand – an den ich übrigens glaube.

Ich glaube also nicht an Zufälle, sondern viel mehr daran, dass sich alles so fügen wird, wie es sein soll und mein bisheriges Leben implizierte. Wir können ja alle noch so viel lernen!

Ein Letztes noch: Ich mag keine Konfitüre. Danke.

28.10.2017. Sabine Zgraggen