Welches Menschenbild steht hinter unserem Denken, Fühlen und Handeln?

Zum europäischen Organspendetag am 9.9. möchte auch ich mir Gedanken machen. Ich spüre widerstreitende Argumente, die es in sich haben. Worum geht es?

Eine Freundin schwärmte mir letztlich vor, wie gesund sie – trotz Rauchen – wäre! Und dass ihre Organe in bester Verfassung sind. Sie wünsche sich, dass möglichst viele Kinder im Falle ihres Todes von ihren Organen profitieren könnten. Und sie hatte Tränen in den Augen, als sie sich vorstellte, wie sie durch ihre Organe unschuldigen Kindern helfen könnte. Sie wolle sich demnächst einen Organspendeausweis zulegen.

Als ich ihr sagte, dass sie in diesem Fall auf einem Op-Tisch abgeschaltet – sprich sterben – wird, in der Sekunde, wo man ihr die Organe heraus schneidet, war sie irritiert.

Sie wäre dann doch schon tot?

Ich erklärte ihr dann, dass es eine bestimmte Definition von Tod ist, die den Zugriff auf ihre Organe ermöglicht. Eine Definition, die eingeführt wurde, um den Zugriff überhaupt zu ermöglichen. Denn selbstverständlich ist man noch nicht „ganz“ tot, sonst wären die Organe schon abgestorben. Von einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen mit einer seelisch-geistigen Realität mal ganz abgesehen. Folglich braucht es eine Definition, die den Tod vorverlegt, auf Hirnströme und Hirnleistung hin definiert. Wenn der Hirntod bescheinigt wurde, dann erhält man die körperlichen Funktionen noch so lange intensivmedizinisch aufrecht, bis man die Organe entnommen hat.
Der Fokus liege also auf ein rein funktionales Verständnis vom Menschen, dessen Organe nun einen ZWECK erfüllen sollen.

Die meisten Menschen wünschen sich ein Sterben daheim – im Kreis ihrer Lieben!

Faktisch landen bis zu 70% aller Sterbenden auf dem „letzten Meter“ noch in einem Spital. Die Angehörigen und auch der Mensch selber sind unsicher geworden, wenn es um diese letzten Dinge geht. Atemnot, Schmerzen, Hilflosigkeit, vielleicht auch die fehlenden Ressourcen einen Sterbenden daheim zu betreuen – die Gründe sind vielfältig. Weil der Tod und das Sterben zu etwas „Unsicherem“ geworden ist, wo kaum noch jemand Erfahrungen mit hat, wird dem ursprünglichen Ansinnen nach einem friedvollen Sterben in einer warmen und gewohnten Umgebung, oftmals ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Nun kommt auch noch das Ansinnen hinzu, dass man dem Menschen, wenn er sich nicht a priori aktiv dagegen geäussert hat, die Organe entnehmen will. Dem Zugriff auf die Organe der Menschen als Ersatzteillager für verschiedene Zwecke sind somit keine Grenzen mehr gesetzt.

So kommt es zu einem Paradoxum: Einerseits sind immer mehr Menschen der lebensverlängernden Technik in den sogenannten „Gesundheitseinrichtungen“ skeptisch gegenüber. Viele Patientenverfügungen gehen in die Richtung, möglichst keine lebensverlängernden Massnahmen mehr einzuleiten. Andererseits gibt es eine Lobby aus Medizintechnikern und Pharmakonzernen, die ein schier grenzenloses Potential für extrem teure und aufwändige Operationen seit Jahrzehnten anbietet.

Die Diskussion darüber, wer der Mensch jenseits seiner körperlichen und biologischen Funktionen ist, ist noch nicht einmal ansatzweise geführt!

Gibt es eine Seele, gibt es auch ein geistig vernetztes „Universum“? Was passiert, wenn ich sterbe, aber mein Körper noch medizinisch am Leben erhalten wird? Wird meine Seele dann festgehalten? Wie fühlt es sich an, wenn man auf mich „als Organlager blickt“, statt den Menschen mit einer Biografie darinnen zu sehen? Wie fühlt es sich an, auf dem OP-Tisch abgeschaltet zu werden, in einem kühlen, technischen und metallischen Raum, fern meiner Angehörigen? Wie fühle ich mich als Ganzes an, wenn Teile von mir fehlen?

Wieso wird die Integrität meiner Person, welche die Grundlage aller Rechtsprechung ist, für andere Zwecke aufgeweicht? Ist der Tod etwa unser Feind? Ist das Sterben etwas, das um jeden Preis aufgehalten werden muss?

Und nun zurück zu den „armen Kindern“, denen man mit einem Organ helfen möchte. Ja, auch mir wurde schon die Frage gestellt, ob ich für mein krankes Kind nicht einfach ALLES tun würde, um es zu retten? Und wäre es dafür nicht gerechtfertigt, eine ganze Gesellschaft auf Organspende und somit zur weiteren Verzweckung ihres Daseins zu verpflichten?

Meine Antwort lautet: NEIN. Ich würde zwar auch alles für mein Kind tun, aber ich habe alles getan, wenn ich es liebe, begleite und ihm von einem ganz anderen Horizont und seiner wunderschönen und heiligen, ewigen Seele erzähle. Ich will nicht darauf hoffen und dafür beten müssen, dass ein anderer Mensch mit passendem Organ für mein Kind stirbt. Und ich weiss, dass Kinder sich an den Ängsten und Hoffnungen ihrer Eltern orientieren und sehr wohl unterscheiden können, worum es letztlich geht. Sie machen alles mit, weil sie uns vertrauen. Doch wohin führen wir sie?

Was ich sehe ist Folgendes: Millionen Kinder sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser oder Hilfe für bei für uns längst behandelbare Erkrankungen haben. Millionen Kinder sind uns relativ egal. Oft interessiert uns noch nicht einmal der Nachbar an der Türe nebenan. Noch nicht einmal die Kinder im Wohnblock. Wir sind geizig und vermehren nur unseren Komfort. Nur unsere eigenen Kinder sind uns wichtig. Nur unser eigener Vorteil steht vor unserem geistigen Auge. Der Rest der Welt mag untergehen. Aber wenn uns eine Krankheit trifft, dann GEHEN WIR ÜBER LEICHEN.

Unlängst ist weltweit ein Organhandel entstanden. Den Ärmsten nimmt man eine Niere für ein paar Franken heraus, damit irgendjemand eine Chance auf ein paar Jahre mehr hat. Und das sind nur die „besseren Fälle“. Namenlose verschwinden einfach. Der Mensch ist längst zur Ware geworden.

Für mich überwiegen bei diesem Ansatz die egoistischen Gründe. Körper, Geist und Seele werden ein Mal mehr getrennt. Das Seelisch-Geistige ist überhaupt kein Thema. Die Integrität der eigenen Person wird hingegen aufs Schärfste verletzt und gewisse Teile des Menschen verzweckt. Eine einzige Herztransplantation mit Nachbetreuung kostet locker 250.000,– Fr. Etwas, das wir alle sang und klanglos bezahlen müssen. Es gibt keine Garantie, dass ein Organ über längere Zeit funktioniert, nicht selten folgen weitere Transplantationen. Irgendwann kommt der Tod, den wir so kunstvoll verdrängen, also ohnehin. Die Frage ist, um welchen Preis.

Leben wir unser Leben doch lieber so, dass wir jeden Tag bereit sind die Reise in eine andere Dimension anzutreten. Leben wir so, dass wir beziehungsfähig werden und unsere Angehörigen menschlich nicht im Stich lassen und ihnen ein liebevolles Sterben, das auf dessen seelische Leiden und Tröstungen ausgerichtet ist, gewähren. Ein hoffnungsvoller, mitmenschlicher und seelisch-geistig visionärer Umgang mit dem Thema „Sterben und Tod“ wäre auch ein gutes Vorbild für Menschen, denen das Schicksal schwere Krankheiten gesendet hat.

Setzen wir unsere medizinischen Fortschritte und unser Geld dafür ein, um unsere Verantwortung für ein friedvolles und gerechtes Leben für die ganze Welt wahr zu nehmen. Wohlstand und Reichtum und Hochleistungsmedizin für Wenige, Tod und Elend von Millionen, das geht nicht auf und ist ein Skandal.

Ja, meine Freundin wird sich vielleicht einen Organspendeausweis bestellen und ihn mit JA ausfüllen. Auch Papst Johannes Paul II. hat gesagt, dass die Organspende ein liebevoller und heroischer Akt sein kann. Etwas, das man aus Liebe tut, gebührt meine Hochachtung und mein Respekt! Wer sein Leben für andere hingeben möchte und dessen Wille es ist, sein eigenes Sterben in diesen Kontext des technischen Zugriffes zu stellen, der soll das tun dürfen. Hier liegt für mich ein legitimer Akt der Pro-Organspende.

Einen automatisierten Zugriff auf alle Hirntote, wenn sie sich nicht dezidiert positiv dazu geäussert haben, lehne ich ab. Nur weil einige Wenige etwas wollen, dürfen die Vielen nicht moralisch verpflichtet werden, sich dem fügen zu müssen.