Seit Jahren schiessen die Leitbilder und Werbe-Slogans von vielen Gesundheitseinrichtungen in den Himmel! Von «Wir sind immer für sie da!» über «Der Patient steht im Mittelpunkt all unserer Sorge» und das sogar «mit Herz und Seele»! Auch tiefschürfende Zitate von Philosophen werden dafür gerne herangezogen. Suggerierter Geist und Tiefgang machen sich gut auf Plakaten.

Dass jeder Heilung verlässliche Beziehungen vorangehen, ist wissenschaftlich anerkannt, doch genau das kann in Wahrheit keine Institution bieten. Was gut klingt und beworben wird, weckt Hoffnungen.

Wer steht für die dadurch produzierten Enttäuschungen gerade?

Mir kommt es so vor, als hätten sich die Heilserwartungen der Menschen, wie sie eigentlich nur ein «Gott» erfüllen kann, auf Produkte und nicht religiöse Institutionen, wie sie Spitäler und Psychiatrien darstellen, verlagert. Das Ergebnis ist nicht selten Enttäuschung; vor allen Dingen, wenn Menschen nicht nur ihre körperlichen Störungen und Defizite repariert bekommen möchten, sondern sich ausmalen, dass Ärzte und Therapeuten wirklich für sie da sind und sich auch für ihre wunde Seele interessieren. Eben, mit Herz und Seele, oder Ähnlichem. Dabei bleibt im Dunkeln, wie das geschehen soll, zumal ja vor allen Dingen die Rechnung stimmen muss, sprich: Zeit- und Geld stets zu sparen sind!?

Zurück bleiben Menschen, die sich zu recht beschweren. Weil der Arzt zum Beispiel höchstens fünf Minuten Zeit in der Woche hatte, oder das gesamte Personal auf die Uhr schaut und dem vertraglich festgelegten und wohlverdienten Feierabend entgegenstrebt. Auch die ausgewiesenen Bezugspersonen haben natürlich Frei und Ferien und der Therapeut, der einen gut kannte, arbeitet nach ein paar Monaten auch mal woanders. Ganz normal eben.

Ich kenne Menschen, die sind hospital- und therapiegeschädigt. Die Leitbilder haben nicht funktioniert. Die verheissene Erfahrung kam nicht an.

Jeder, der «Ganzheitliches» eher von anderen als von sich selbst erwartet, den strafen die Götter!

Ich bin für eine neue «Kostenwahrheit». Realistische Leitbilder die in etwa so klingen könnten:

Bei uns bekommen Sie drei Mal am Tag zu essen und ein WC ist in der Nähe. Die Visiten sind möglichst kurz und effizient und auf abrechenbare Resultate angelegt. Ihre Fragen sollten sie sich gut überlegen. Empathie ist nicht zu erwarten und es weiss auch niemand, woher sie kommt. Wir sind bemüht ihre körperlichen Beschwerden und Symptome zu lindern. Dafür steht uns ein mechanisches Welt- und Menschenbild und die dazu passende handwerkliche Reparatur zur Seite. Wir sind ganz sicher nicht immer für Sie da und schon gar nicht mit Herz und Seele, denn das ist Privatsache und geht niemanden etwas an. Unsere Professionalität definiert sich so, dass Persönliches nicht erwartet werden kann, manchmal aber trotzdem durch beherzte Menschen geschieht. Wir sitzen leider oftmals vor unseren Computern, weil wir jeden Handschlag abrechnen müssen. Unsere Arbeitssituation verhindert wegen Zeitdruck Freude und Anerkennung, deshalb will auch niemand länger als nötig arbeiten. Sie haben Glück, wenn sie sich keine Infektion einfangen. Falls doch, ist das ein Kollateralschaden für den niemand verantwortlich gemacht werden kann.

Heilserwartungen von Menschen und an Menschen werden fast immer enttäuscht, da sie realitätsfern sind! Nirgendwo wird das deutlicher, als in sogenannten «Gesundheitseinrichtungen».

Gerade die seelischen Erkrankungen, die sich auch oftmals hinter körperlichen Leiden verbergen, und leider auch Suizidraten nehmen in der Schweiz kontinuierlich zu. Täglich bringen sich in der Schweiz 5 bis 6 Menschen erfolgreich um. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Drogentote sind nicht mitberechnet. Es fehlte dabei an Vielem. Vor allen Dingen an Zeit und echtem, nachhaltigem Interesse am Mitmenschen; die viel geforderte Empathie bleibt aus.

Diese Erwartungen und Hoffnungen dürften nach meiner Erfahrung nur im spirituellen und religiösen Bereich verheissen und dann auch eingeholt werden. Ich bin dafür, dass wir Menschen wieder engagierter und frühzeitiger auf wahre Heilsdimensionen und erlebbare Gemeinschaft verweisen, anstatt sie mit falschen Versprechungen in die Irre zu führen, abzurechnen und letztlich aufzugeben.

Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtet wie der Tag,
Finsternis ist wie das Licht.
Denn du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleib.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke,
und das erkennt meine Seele wohl.
Psalm 139