Oder, wie Subtiles unser Bewusstsein verändert

Im Sommer stand ich oft am Bahnhof Enge (in Zürich) und wartete auf mein Tram. Dabei nahm ich auf dem Platz gegenüber nur zögerlich, zunächst gar nicht, einen violetten Futtertrog wahr. Wochenlang streiften meine Augen darüber, ohne dass sich ein Gedanke dranhängte.

Doch dieser Gedanke lag quer in meinen Hirnrinden herum und wurmte sich weiter: «Sabine, eine lilafarbene Futterkrippe mitten auf einem zugepflasterten Platz, umringt von mondänen Bauten, DAS GIBT ES DOCH GAR NICHT!»

Nicht?

So kam es, dass ich letzte Woche einen Schritt über den Perron machte und die 20 Meter von der Haltestelle zu einer Besichtigung riskierte. Ich lief um das lilafarbene Gestell herum, empfand es einerseits «bekannt» und irgendwie auch «anders schön». War es nun für echte Tiere gedacht, oder…? Die Auflösung kam mittels eines Schildes und eines interaktiven Würfels: GAST-RÄUME.

Ein Daniel Joakim Imbach hat diese Installation in unsere Weg-Räume gepflanzt. Subtil nahm diese minimale dysfunktionale Abweichung ihren Weg in mein Innerstes auf – und letztlich liess sie mich Schritte tun.

Wie viele Menschen hat diese Installation erreicht? Ich selber lief vorher mindestens 10 Mal daran vorbei OHNE bewusst zu schauen oder zu lesen! Wie viele Menschen haben über die Kunst wohl gesprochen oder heimlich gedacht: «Hier werden unsere Steuergelder verprasst. Die sollen doch selber Stroh fressen…»

Die Wahrheit ist, dass gerade diese subtile Kunst inmitten unseres gehetzten Alltages, zum Nachdenken anregt. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob diese Stadt überhaupt noch lebenswert ist, wenn jeder Meter Erde zubetoniert wurde? Ich habe mich gefragt, ob unser Hirn nicht mal anderes Futter bräuchte? Ob eine lila Futterkrippe nicht vielleicht sogar an Bethlehem im Sommer erinnert? Habe darüber nachgedacht, dass Fastfood das Ende aller Kultur bedeutet und wie wir umringt sind von Werbeschildern und Botschaften und manipuliert werden, OHNE es zu merken.

Ich bin froh, dass ich die gedanklichen und physischen Schritte machte und nicht stehen blieb! Einen Tag später, nachdem ich das Ganze endlich bewusst angegangen und Fotos gemacht hatte, wurde der lilafarbene Futtertrog abgebaut.

Ich danke an dieser Stelle allen Künstlern und Artisten, die unsere festgefahrenen Welten auflockern und Zeichen setzen. Subtile DIALOGE sind es, die letztlich alles verändern. Welchem Geist folgen wir?