Kürzlich wurde der PRIX COURAGE verliehen. Remo Schmid griff beherzt ein, als er eine Frau um Hilfe schreien hörte. Er unterschied sich von anderen, indem er es erstens HÖRTE, zweitens bereit war seine Comfort Zone zu verlassen – sprich, in der Nacht aufstand – hinausging und drittens bereit war Nachteile in Kauf zu nehmen. Tatsächlich wurde auch er verprügelt. Mithilfe eines weiteren Mitmenschen wurde so eine Frau vor Gewalt gerettet. Dafür gab es nun einen Preis.

Wer das liest denkt sich vielleicht: Das ist doch normal, dass da jemand hilft!

Der Unterschied liegt im Wort «ICH» statt «jemand».

Diese «Dinge» haben mit der Bildung eines sogenannten HERZENS zu tun, das nicht erst lange denkt, sondern sofort in die Aktion geht. Das Herz ist jene Einheit im Menschen, die beständig in der Lage ist etwas zu empfinden und daraus zu handeln.

Der Faktor HERZ unterscheidet reines «Funktionieren» von dem, was wir Leben nennen. Viele Erfahrungen, Interaktionen und Entscheidungen müssen von dem jungen Mann, lange bevor er nachts aus seiner Wohnung hinausrannte, getroffen worden sein, um einer Fremden letztlich wirklich helfen zu können. Er fühlte sich zuständig und tat mutig das Richtige.

Diese Art aktiven Menschseins wünscht sich spätestens dann jeder, wenn er selbst in Not gerät. Aber es reicht nicht, es für sich selbst zu erwarten und es gleichzeitig nicht geben zu wollen oder zu können – wenngleich menschliche Hilfe ohne Erwartung geschieht und sich dadurch als Liebe qualifiziert.

Warum also sind immer mehr Menschen auf der Herzensebene gar nicht erreichbar? Warum fühlen wir uns zu oft nicht mehr zuständig? Warum sind die HERZEN gleichgültig? Warum glauben viele Menschen, dass Dokumente, standardisierte Abläufe und ein mechanisches Menschenbild irgendwie Ansprechbarkeit und Verantwortung ersetzen können? Lebens- und Behandlungs-Qualität kommt immer von innen! Mangel an Herzensempfänglichkeit kann durch keinen Score der Welt ersetzt werden.

Es wird niemals mehr geben und zu erringen sein, als das NACKTE MENSCHSEIN mit seinen Fragen, Ängsten und seinem Hineingeworfen sein in diese Welt! Kontrolle gibt es nur in der Fantasie. Sie ist letztlich ein Wahngebilde. Wären wir noch in der Lage, den Verkehr zu regeln, wenn die Ampeln ausfallen? Sind wir noch in der Lage, Menschen zu helfen, wenn es keinen Strom gibt? Was habe ich gelernt, um ohne Statistik, Standards und äusseren Sicherheiten Menschen nahe zu sein?

Die Polizei, die Behörden, die Krankenkasse und selbst der Hausarzt sind alle erst in zweiter Linie zuständig. Lange vorher, bevor institutionalisierte Hilfe eintrifft, braucht es wachsame Menschen. Fürsorge, Mitgefühl und Zuständigkeit. Die institutionalisierte Hilfe ist eine Art letzte Notfallhilfe. Teuer und auf wenige Minuten Zuständigkeit limitiert. Bezahlte Mitmenschlichkeit können wir uns auf Dauer nicht leisten! Lange vorher und nachher brauchen Menschen erfahrbare Gemeinschaft, und ehrenamtliche Fürsorge.

Zu Weihnachten wünsche ich mir, dass wir an unserer HERZENSBILDUNG arbeiten. So selbstverständlich wie das Ein- und Ausatmen ist die Bildung eines herzlichen Bewusstseins, das in der Lage ist, die Not um sich herum zu empfinden und als Mensch darauf zu reagieren.

Christkönig 2017. Sabine Zgraggen