Vom Wert des Augenblickes

Seit Jahren, wenn ich morgens mit dem Tram die Bahnhofsstrasse hochfuhr, fiel mir bei einem grossen Juweliergeschäft ein Mann im blauem Arbeitskittel auf. Er putzte die Scheiben der grossen Auslagefenster. Er putzte sie nicht nur ein Mal pro Woche oder Monat, sondern vermutlich sogar täglich (so genau kann ich das nicht sagen, weil ich höchstens drei Mal pro Woche vorbeifuhr, wo er da war). Der Mann war eindeutig schon im Pensionsalter. Die Art und Weise, wie er ruhig und mit Hingabe die Scheiben putzte, liess bei mir den Rückschluss zu, dass er es gerne – ich möchte fast sagen – mit Liebe, tat.

Verschiedene Gedanken gingen mir jeweils durch den Kopf, wenn ich ihn sah:

Handelte es sich bei ihm vielleicht um den Senior-Chef des Geschäftes? Hat er es gar vor Jahrzehnten selber aufgebaut und pflegte die Scheiben deshalb als Ehrenbeitrag? Oder war er einfach ein alter Herr, der für den Job einen Auftrag hatte und einen Lohn bezog? Jemand, der sich zu seiner Pension noch etwas dazu verdienen wollte?

Er schien auf jeden Fall mit seinem Kittel und der ruhigen Arbeitsweise nicht mehr so ganz in die heutige, geschäftige Zeit zu passen! Meine Oma trug einen ähnlichen Arbeitsschoss, wenn sie in der Küche stand! Ein Hauch Nostalgie oder «Old School» funkelte bei mir von daher bei diesem Anblick auf.

Seit vorletzter Woche wird das Geschäft nun definitiv umgebaut, vorher las ich schon die Banner an den Scheiben von «Ausverkauf». Der Besitzer hat gewechselt.

Hier ist – by the way – eine Ära zu Ende gegangen. Die Auslagen wirkten insgesamt nicht mehr so ganz zeitgemäss modern. Nervös habe ich sofort meine Handyfotos durchforstet, da ich vor einigen Monaten einen Schnappschuss von diesem Mann im blauen Kittel – aus dem Tram heraus – gemacht hatte! Und ich fand das nicht ganz scharfe Bild wieder und war erleichtert. Ja. Es wird nie wieder so sein, wie es war. Ein wenig Wehmut sei erlaubt. Allgemein.

Diese kleine Begebenheit zeigt mir ein Mal mehr auf, wie alles vergeht. Alles. Und dass wir nur diesen einen jetzigen Moment haben. Uns bleibt die Wahl etwas mit Hingabe gerne zu tun, oder nicht. Und das strahlen wir dann auch aus, oder nicht.

Mir wird dieser Mann im blauen Kittel fehlen. Ich bin froh, ihn wahrgenommen und nun auch gewürdigt zu haben.

13.10.2017. Sabine Zgraggen