muss täglich errungen werden!

Im übervollen Morgenzug erledigt ein Manager offenbar sein Tagesgeschäft und telefoniert ausgiebig und laut nach Hongkong.

Ein älterer Herr schnauzt später die Tramfahrerin respektlos an, weil sie aus seiner Sicht gebrechliche Menschen, die mit dem Rollator auf den Schienen liefen, fast über den Haufen gefahren hat.

Bei den letzten Schritten vor dem Büro erfahre ich, dass auf der Baustelle ein Arbeiter ums Leben kam. Sein Kollege steht unter Schock am Rand.

Am Seeufer abends haben Jugendliche grosse Boxen für ihre Musik aufgebaut und leben ihre Sehnsucht nach Dauerbeschallung sozialvergessen aus.

Von solchen und anderen Einflüssen sind unsere Tage durchzogen.

Entweder schafft man es die Umwelt selber auszublenden – setzt sich einen möglichst grossen Kopfhörer auf und geht mit verengtem Fokus und Tunnelblick weiter – oder aber, man baut sich eine innere Haltung auf, die sowohl durchlässig ist – sich auch gefühlsmässig betreffen lässt – und trotzdem abwägend und auch abgrenzend mit den Anfragen und Einflüssen umzugehen weiss. Dies setzt eine wachsame und bewusste Geistesgegenwart voraus!

Letztere Haltung – Durchlässigkeit und kluge Abgrenzung – erscheint mir immer wichtiger zu sein, damit es nicht zu weiteren haarsträubenden Fällen kommt, wo Mitmenschen im Stich gelassen, verprügelt, überfallen oder gemobbt werden. Gut im Gedächtnis ist mir die eine Pressemeldung, wo ein älterer Mann in Deutschland vor dem Geldautomaten sterbend am Boden lag, und andere Kunden drüber stiegen, ihr Geld abholten und wieder gingen – ohne zu helfen! Gleichwohl kann ich mich auch nicht von jedem Eindruck fesseln lassen, sonst erreiche ich ja meine Ziele nicht. Wobei, welche Ziele habe ich eigentlich? Die Frage muss erlaubt sein!

Erstens könnte einem eine gewisse Bedürftigkeit sehr schnell selber passieren und auch ich wäre froh, wenn mir dann jemand helfen kommt; zweitens erschaffe ich durch mein eigenes Verhalten die Werte von Morgen!

Gleichgültigkeit und Abstumpfung sind meines Erachtens aber keine Werte, unsere Gesellschaft menschenfreundlich werden zu lassen und den nächsten Generationen den Weg zu weisen. Mitgefühl und Anteilname entstehen, wenn die eigene innere Haltung bewusst ist und ich Frieden anstrebe.

Eine gelebte Spiritualität, eine Verbundenheit mit dem „Geist Gottes“, ist für mich hierbei der Schlüssel, dass wir sowohl unseren eigenen Weg, wie auch den Willen Gottes erahnen und sein verheissenes Friedensreich umsetzen können. Anhand der anfangs genannten Situationen bedeutet das für mich:

Den Manager im Zug habe ich angesprochen und gefragt, ob der Zug sein neues Büro wäre. Er war überrascht und sagte, dass seine Bürozeiten zu kurz wären und er deshalb jede Minute nützen müsse. Daraufhin erwiderte ich, dass das sicherlich ein Problem wäre, aber nicht MEINES. Und ich aufgrund seiner Hongkong-Geschichte keinen einzigen persönlichen Gedanken auf meiner Fahrt nach Zürich zu Ende denken konnte. Ob er Kant kennen würde, den kategorischen Imperativ? Daraufhin stellte er seinen Anruf ein.

Nachdem der ältere Herr die Tramfahrerin aufs Übelste „heruntergeputzt“ hatte, sprach eine andere Dame ihn beruhigend an. Dass es gut wäre, seine Meinung kund zu tun, aber bitte nicht auf diese Art und Weise. Daraufhin schimpfte er aufs Übelste weiter und wünschte, sie würde mal von einem Tram überfahren werden. Auch eine andere Frau sagte, dass sie zu der von ihm bezeichneten Altersgruppe gehören würde, bevor sie aber auf die Schienen steige, würde sie vorher mal schauen, ob ein Tram käme. Daraufhin setzte sich der Herr mir gegenüber und wetterte, dass alte Leute jederzeit auch über die Gleise gehen dürften, nicht nur über den Zebrastreifen. Nun sagte ich, dass „wer Instruktionen an andere verteilt, eben auch Instruktionen empfange!“ Schliesslich entstand so etwas wie eine „Tramfahrer-Selbsthilfe-Gruppe“ und weitere Meinungen traten hervor! Die Tramfahrerin hörte derweil durch ihre offene Scheibe mit und spürte, dass wir Mitfahrenden die Respektlosigkeit des offenkundig unzufriedenen Mannes nicht einfach durchgehen liessen. Wie viele Menschen leben doch einsam und verbittert unter uns und niemand konfrontiert sie mit ihrem Wahnsinn?

Polizei an der Baustelle. Hitze. Ein Bauarbeiter steht alleine am Rand, greift sich immer wieder ins Gesicht. Soll ich jetzt zum Büro weiter hetzen oder anhalten? Ich gehe auf ihn zu, er sagt, es gab einen Unfall. Er meint, es wäre sicher nichts Schlimmes. Ich bleibe eine Weile bei ihm, lege die Hand auf seine Schulter. Nur eine kleine Geste. Später erfahre ich, dass ein Bauarbeiter starb.

Auf der Badewiese werde ich abends von „BumBumTönen“ empfangen. Es ist kein Ausweichen möglich, da der Bass über die ganze Wiese wummt. Ich anerkenne, dass für viele jüngere Menschen die laute Musik zum Cannabis und Bier dazu gehören und sie sich offenbar nur auf diese Art entspannen wollen oder können! Auf einer Decke weiter haben lateinamerikanische Frauen das Problem damit gelöst, indem sie ihre Latino-Musik ebenfalls aufgedreht haben. Zwischen PUNK und SOUL schwanke ich dem kühlenden Wasser zu. Auf dem Weg dorthin spreche ich den jungen Mann an, dass ich seine laute Musik wirklich nicht brauchen würde. Er ist erst irritiert, da offenbar niemand sonst etwas gesagt hat. Stellt dann aber leiser ein. So wird die Wiese wieder zu einem Platz „himmlischen Friedens.“