Wir sind gewohnt, auf das Spektakuläre zu achten. Das Normale oder Alltägliche findet kaum Würdigung. Warum auch. Es ist ja immer da. Glaubt man. Doch wenn man zügelt – Jahre später an einem anderen Ort – stellt man vielleicht fest, dass die Strassen, die man oftmals ablief, die Geschäfte, die Bibliothek, Schulen und Plätze nirgendwo auf Bildern zu finden sind. Dass es einem schwerfällt, die Umgebung zu schildern oder das Lebensgefühl einer gewissen Epoche darzustellen.

Neu sehen zu lernen. Die Gegebenheiten einmal «aus anderer Sicht» zu betrachten, kann ein beglückendes Gefühl des «Gewahrseins vom Augenblick» schenken! Nicht das Direkte, sondern das Indirekte ansehen. Wer fotografiert schon die Gleise, auf welchen wir täglich fahren? Wer nimmt die Autos, Strassen und das Unattraktive in den Blick, während die Sonne glutrot am Säntis untergeht?

Doch beides gehört zum Leben. Und für einmal ist es sogar sehr erholsam, nichts Besonderes suchen zu müssen! Keine «Ohhhs und Aaahs». Schlichte oder alte Fassaden. Orte des Alltages. Busse, Züge, das Eismeer, ein Blick zum anderen Ufer und wieder zurück zum Supermarkt. Schaufenster und Lichter, Gemüse und Bio.

Dankbar bin ich meiner Stadt, dass sie sich Mitte November noch nicht in den Weihnachtsdeko-Wahnsinn gestürzt hat. Auch die Zwischenzeiten sind wichtig. Ein wenig Winterherbst noch. Ruhe vor dem Trubel. Wie immer geschieht am meisten, wenn nichts passiert.

Wir haben immer die Wahl, diese Eindrücke bewusst aufzunehmen, einzuatmen und geradezu zu verkosten! Labsal. Die neuen Foto-Serien wollen von solchen Momenten erzählen.

14.11.2017. Sabine Zgraggen